Tarifrunde 2018 in der Metall- und Elektro-Industrie

Tarifrunde 2018 in der Metall- und Elektro-Industrie

In der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) mit ihren rund 25.000 Betrieben und 3,9 Millionen Mitarbeitern hat die Tarifrunde 2018 begonnen. Dabei verhandeln die Gewerkschaft IG Metall mit den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie – und zwar auf der regionalen Ebene. Die erste Verhandlungsrunde hat bereits stattgefunden – in dieser Verhandlung erläutert die Gewerkschaft normalerweise ihre Forderung ausführlich. In der 2. Verhandlungsrunde erwidern die Arbeitgeber in der Regel. Im Verlauf der Verhandlungen fokussieren sich die Verhandlungen auf einen sogenannten Pilotbezirk – Pilot, weil der dort erzielte Abschluss dann von allen anderen Regionen übernommen wird (zumindest in den wesentlichen Elementen). Die sogenannte Friedenspflicht endet am 31. Dezember 2017 mit Auslaufen des derzeit gültigen M+E-Tarifvertrags.

Was fordert die IG Metall?

Die IG Metall fordert in dieser Tarifrunde im Kern 6 Prozent mehr Entgelt. Zusätzlich will die Gewerkschaft einen tariflichen Anspruch auf eine 28-Stunden-Woche für bis zu 24 Monate – ohne Begründungspflicht, mit Rückkehrrecht auf Vollzeit. Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit reduzieren, weil sie Kinder unter 14 Jahren betreuen oder Familienangehörige pflegen, sollen einen Zuschuss von 200 Euro im Monat vom Arbeitgeber bekommen. Schichtarbeiter, die ihre Arbeitszeit verkürzen, sollen rund 750 Euro im Jahr erhalten. In der laufenden Tarifrunde haben die Arbeitgeber der IG Metall in der ersten Verhandlungsrunde auch eigene Forderungen präsentiert.

Begründung: Die IG Metall begründet ihre Entgeltforderung wie folgt: 2 Prozent Zielinflation der EZB zuzüglich 1 bis 1,5 Prozent mittelfristiger Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und 2,5 bis 3 Prozent Umverteilung ergeben eine Forderung von 6 Prozent. Außerdem sei die Lage gut.

Die Arbeitszeitverkürzung sei erforderlich, um Zeit für Familie zu haben, und der Entgeltausgleich, um sich diese Auszeit leisten zu können.

Warum das nicht geht:

Entgelt: Die derzeit gute konjunkturelle Lage überdeckt die große Schwachstelle der deutschen Metall- und Elektro-Industrie: die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten. Seit dem Jahr 2012 sind M+E-Tariflöhne um fast 20 Prozent angezogen. Rund 56.000 Euro verdienen M+E-Beschäftigte inzwischen im Jahresdurchschnitt – fast ein Fünftel mehr als in der Gesamtwirtschaft gezahlt wird.

Jetzt noch einmal 6 Prozent mehr Lohn oben drauf zu satteln mutet mehr als gewagt an. Denn der Produktivitätszuwachs – also das, was mehr erwirtschaftet wurde – beträgt nur 1 Prozent. Bereits seit Jahren driften die Entwicklungen von Produktivität und Entgelt deutlich auseinander. Ein derartiges Missverhältnis ist auch für die stärkste Industrie wirtschaftlich nicht dauerhaft verkraftbar. Das gilt erst recht, wenn neue Mammutaufgaben hinzukommen – so wie jetzt die Einführung von Industrie 4.0, die Umstellung auf Elektromobilität und eben der sich verschärfende Fachkräftemangel.

Arbeitszeit: Schon heute hat die Metall- und Elektro-Industrie mit 35 Stunden die international kürzeste Wochenarbeitszeit. Zudem sind selbst nach der aktuellen Beschäftigtenumfrage der IG Metall über 70 Prozent aller Arbeitnehmer mit ihren derzeitigen Arbeitszeiten zufrieden und in den Betrieben wird bereits heute für jedes Mitarbeiteranliegen – auf freiwilliger Basis – eine passende Lösung gefunden. Grundlage dafür ist eine Vielzahl gesetzlicher, betrieblicher und tariflicher Regelungen.

Ein verbrieftes Anrecht der Arbeitnehmer auf Verkürzung würde die Betriebe schnell vor unlösbare Aufgaben stellen. Deshalb macht sich die IG Metall mit dieser Forderung aus Arbeitgebersicht gar der Aufforderung zur Tarifflucht schuldig. Denn für einen begrenzten Zeitraum stundenweise Ersatz für qualifizierte Fachkräfte zu finden, ist praktisch unmöglich: Es herrscht Fachkräftemangel. In den für die M+E-Industrie typischen MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) drückt das Problem besonders. Hier hat die Arbeitskräftelücke von 290.900 Personen einen Rekordstand erreicht. Das zeigt eine gerade vorgelegte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln). Eine „Stilllegeprämie für Fachkräfte“ ist ausgeschlossen.

Nicht zuletzt geht es beim Thema Arbeitszeit-Verkürzung auch um Gerechtigkeit. Denn auch aus Sicht der allermeisten Beschäftigten passt die Rechnung „mehr Geld für weniger Arbeit“ nicht. Wie sollte beispielsweise einer jungen Mutter, die nur Teilzeit arbeitet und entsprechend weniger verdient, erklärt werden, dass der Kollege jetzt von 35 auf 28 Stunden geht und netto fast gar keine Einbußen hat?

Was fordern die Arbeitgeber?

Die Arbeitgeber wiederum fordern unter anderem, mit den Mitarbeitern per Einzelvertrag oder per Betriebsvereinbarung auch Arbeitszeiten über die 35 (West) bzw. 38 (Ost)-Stunden-Woche hinaus vereinbaren zu können – allerdings gegen entsprechend höhere Bezahlung. Außerdem müssen natürlich bei selbstbestimmten Arbeitszeiten Zuschläge wegfallen, die an bestimmte Arbeitszeiten gekoppelt sind. Im Beispiel: Wer sich seine Arbeitszeit selber aussuchen darf, und sich aus welchem Grund auch immer dafür entscheidet, die Arbeit in der Nacht zu erledigen, darf dafür nicht Nachtzuschläge einfordern.