Pro & Contra

Fiktion vs. Fakten

Die IG Metall stützt ihre Forderungen zur Tarifrunde 2018 auf Behauptungen, nicht auf Fakten. Wir zeigen Punkt für Punkt, was die Aussagen der Gewerkschaft wirklich bedeuten.

ARBEITSZEIT

IG Metall: Arbeitszeit muss zum Leben passen.

Arbeitszeiten, die zum Leben passen, sind für die Industrie auch ein wichtiges Werbeargument, um das Thema Fachkräfte und Fachkräftemangel angehen zu können, auch gerade für Frauen, wo wir immer noch einen beschämend niedrigen Beschäftigungsgrad haben, die Industrie attraktiv zu machen.

Die Menschen wollen nicht nur den Flexibilitätsansprüchen der Arbeitgeber ausgesetzt sein.

 

 

Fakt ist: Wir haben die kürzeste Arbeitszeit der Welt.

Wir haben heute bereits die kürzeste Arbeitszeit der Welt – und vielfältige  Arbeitszeitmodelle, die für jeden denkbaren Einzelfall eine Lösung im Betrieb möglich machen.

Aber zunächst einmal: Der historische Kompromiss lautete 35-Stunden-Woche im Gegenzug für Flexibilität bei der Verteilung der 35 Stunden. Diese Flexibilität einseitig anzuprangern bedeutet, sich von der Geschäftsgrundlage der 35-Stunden-Woche zu verabschieden. Ist das wirklich das Ziel der IG Metall?

 

IG Metall: Arbeitgeber verfolgen nur Eigeninteresse.

Die Arbeitgeber fordern immer noch mehr Leistung und Flexibilität von ihren Beschäftigten ohne auf deren Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

 

Fakt ist: Flexibilität ist schon heute möglich.

Was die Beschäftigten in ihrem Alltag erleben, steht im größtmöglichen Widerspruch zu dieser Gewerkschaftsrhetorik: 93 Prozent aller M+E- Arbeitnehmer erklären, ihre tägliche Arbeitszeit kurzfristig an persönliche Bedürfnisse anpassen zu können – nur 6 Prozent der Arbeitnehmer erleben aber umgekehrt, dass sich ihre Arbeitszeit häufiger auf Anweisung des Arbeitgebers kurzfristig ändert.

 

IG Metall: Niedrige Entgeltgruppen brauchen Entgeltausgleich.

Es verlangt solidarische Lösungen eines Entgeltausgleichs, wenn Arbeitszeit für soziale Zwecke verkürzt wird. Nur so können wir ungleiche, häufig geschlechterspezifische Verteilung der Arbeitszeiten aufbrechen. Wir sind auch der Auffassung, dass diese Möglichkeit allen zur Verfügung stehen soll, das heißt, insbesondere auch denen in unteren Entgeltgruppen, die sich oft eine verkürzte Arbeitszeit nicht leisten können, dann etwa, wenn etwa Kinder zu pflegen sind oder Familienangehörige zu pflegen sind oder auch, wenn ganz belastende Arbeitszeiten vorliegen.

 

Fakt ist: Die Beschäftigten sind gegen den solidarischen Ausgleich.

Das Argument könnte angesichts des Einkommensniveaus in unserer Branche (im Jahresdurchschnitt 56.400 Euro) Beschäftigten in anderen Brachen durchaus zynisch vorkommen. Auch die M+E-Beschäftigten sprechen sich strikt gegen einen solidarischen Ausgleich aus. Sie sind der Ansicht: wer weniger arbeiten will, soll das selber finanzieren. Alles andere würde auch bedeuten, Mitarbeiter dafür zu bezahlen, dass sie nicht arbeiten gehen. Und es würde auch für diese Mitarbeiter einen höheren Stundenlohn bedeuten als für diejenigen, die in der Zwischenzeit nicht nur normal weiterarbeiten, sondern deren Arbeit mit erledigen müssen. Und dass Mitarbeiter, die sich von vorneherein für eine Teilzeitstelle entschieden haben, weniger Geld bekommen sollen als diejenigen, die später eine solche Regelung in Anspruch nehmen, dürfte die Solidarität der Belegschaften ebenfalls stark strapazieren.

Fakt ist zudem: Die jetzt bereits vorhandenen Teilzeitarbeitsplätze werden zu 80 Prozent von Frauen besetzt. Nach den IG Metall-Vorstellungen würden aber die zukünftigen Teilzeitplätze – fast ausschließlich Männer – deutlich mehr Geld verdienen. Das ist ein besonders bemerkenswertes Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit.

 

IG Metall: Alles eine Frage der Organisation.

Flexible Wechsel zwischen Teilzeit und Vollzeit sind nur eine Frage der Organisation. Wer seine Arbeitsorganisation im Griff hat, auch damit kein Problem.

 

Fakt ist: Arbeit die anfällt, muss gemacht werden.

Arbeit die anfällt, muss erledigt werden. Kurzfristige Lücken müssten dann durch Befristungen oder Zeitarbeit aufgefangen werden – Instrumente, deren Einsatz die IG Metall in zahlreichen Kampagnen zu skandalisieren versucht. Noch entscheidender aber: Die Fachleute gibt es nicht mehr. Die M+E-Unternehmen bauen seit Jahren ihre Stammbelegschaften aus. Und trotzdem fehlen Fachleute: 20 Prozent aller M+E-Unternehmen melden bereits konkrete Produktionsbehinderungen aufgrund fehlender Fachkräfte, und in den M+E-Berufen ist die Zahl der gemeldeten offenen Stellen bereits höher als die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen.

 

IG Metall: Schichtarbeit darf nicht ausgeweitet werden.

Wir sehen die Ausweitung von Schicht- und Wochenendarbeit mit extremen Belastungen für die dort Beschäftigten verbunden, was ihre Gesundheit angeht.

Und gerade Schichtarbeiter brauchen bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf!

 

Fakt ist: Schichtarbeit ist unumgänglich.

Schichtarbeit ist unumgänglich, das wird wohl selbst die IG Metall nicht bestreiten wollen. Und bei der Schichtplanung werden selbstverständlich die neuesten Erkenntnisse der arbeitswissenschaftlichen Forschung berücksichtigt – das Schichtsystem beispielsweise, das das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft entwickelt hat, wird von der IG Metall selber als vorbildlich gepriesen.

Und sogar ein von der IG Metall selber vorgestellter Schichtarbeiter macht deutlich, dass seine Schichtarbeit ihm eine familienfreundliche Zeitplanung erst ermöglicht! So heißt es im dem Text: „Nach der Frühschicht holt er ihn vom Kindergarten ab und unternimmt mit ihm noch was. Vor der Spätschicht erledigt er Dinge, für die sich Nicht-Schichtarbeiter schon mal einen Tag frei nehmen müssen, Behördengänge oder Arzttermine. Nur die Nachtschicht, darauf könnte der Vater von drei Kindern gut verzichten.“ Nun, wenn er am Schichtsystem teilnimmt, von dem er ausdrücklich profitiert, dann muss er auch einen Teil der Nachtschichten übernehmen. Rosinenpickerei würde zulasten der anderen Kollegen gehen.

Vor allem aber gibt es zu dem hohen Grundlohn bereits zusätzliche Schichtzuschläge, was in dem Beispiel völlig unter den Tisch fällt. Falls die IG Metall diese Zuschläge für nicht mehr erforderlich hält, nehmen wir das so zur Kenntnis.

 

IG Metall: Unternehmen können die Kosten tragen.

Diese Sozialleistungen sollte eine Industrie, die Milliardenprofite Jahr für Jahr ausweist, sich durchaus auch zu Eigen machen. Es wären Zusatzkosten, die die Unternehmen gut tragen könnten.

 

Fakt ist: Im Kosten abladen, ist die IG Metall sehr gut.

Nach der Logik, Sozialleistungen erst zu erfinden und dann die Kosten willkürlich irgendwo abzuladen, weil dort Geld vermutet wird, wäre es ebenso gerechtfertigt, allen Eltern einen Anspruch auf eine vierwöchige Kur einzuräumen und diese von der IG Metall bezahlen zu lassen – weil sie ja genügend Geld in den Rücklagen hat. Oder die IG Metall könnte auf ihren Mitgliedsbeitrag verzichten, um die Metaller zu entlasten.

 

KONJUNKTUR UND ENTGELT

IG Metall: Gewinne gehen auf harte Arbeit der Beschäftigten zurück.

Die Unternehmen machen gute Gewinne. Das liegt daran, dass die Beschäftigten hart gearbeitet haben.

Fakt ist: Zwölf Prozent aller M+E-Unternehmen schreiben rote Zahlen.

Wir sind, offenkundig anders als der Bezirksleiter des IG Metall-Bezirks Mitte, nicht der Ansicht, dass die roten Zahlen bei diesen M+E-Unternehmen wirklich auf die Faulheit der Beschäftigten zurückzuführen sind.

IG Metall: Die Wirtschaft erzielt Rekordgewinne.

Die Wirtschaft wächst, in Deutschland, Europa und weltweit. Die deutsche Metall- und Elektro-Industrie erreicht Rekordwerte bei Auslastung, Umsatz und Renditen.

Fakt ist: Die Produktivität sinkt.

Rekordwerte erreichen vor allem auch das Einkommensniveau und der Zuwachs der Tarifeinkommen: Mit 56.400 Euro durchschnittlichem Jahresgehalt und Tariferhöhungen seit 2000, die sich auf über 50 Prozent addieren. Die Produktivität ist im gleichen Zeitraum nur um 28,5 Prozent gestiegen – eine massive Umverteilung aus der Substanz zulasten der Unternehmen.

Die Auslastung ist kein Gradmesser für die Tarifpolitik, die Gewinne hingegen sind – anders als die Entgelte – nicht gestiegen.  Aber es gibt weiterhin 25 Prozent in der Branche, die weniger oder nichts verdienen. Und das Umfeld – auch international – wird immer schwieriger.

IG Metall: Alle Zeichen stehen auf Wachstum.

Die Wirtschaftliche Situation ist gut, ist sehr gut. Anzeichen für eine Verschlechterung gibt es nicht.

Fakt ist: Digitalisierung wird zum Kraftakt.

Günstige Rahmenbedingungen überdecken die gefährliche Kostenentwicklung in der M+E-Industrie. Allein die Kostenbelastungen aus den Tarifabschlüssen seit 2012 summieren sich auf 19,5 Prozent. Dies wird keineswegs durch höhere Produktivität ausgeglichen. Und viele Unternehmen stehen vor dem Kraftakt, in die Digitalisierung investieren zu müssen oder Umwälzungen der Antriebstechnologie bewältigen. Dafür werden wir alle Reserven brauchen.

IG Metall: Die Auftragsbücher sind voll.

Schließlich gibt es in der Metall- und Elektrobranche die höchsten Auftragsbestände seit 2008.

Fakt ist: Ausländische Standorte profitieren.

Der Auftragsbestand sagt wenig aus – denn wenn die Kundenbestellungen aus Kostengründen in den ausländischen Standorten abgefertigt werden, ist das eher ein Alarmzeichen denn eine gute Nachricht. Zudem: 2008 war das Jahr der tiefsten Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte. Schaut man nur ein Jahr weiter zurück, wird deutlich: Der Auftragseingang liegt heute um gerade einmal 1,01 Prozent über dem Wert, den er vor zehn Jahren bereits hatte.

IG Metall: Forderungen sind angemessen.

Die Forderung ist angesichts des ungebrochenen Wachstums der Metall- und Elektroindustrie, einer insgesamt schwungvollen Konjunktur und angesichts der vorliegenden Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung mehr als angemessen.

Fakt ist: Der Verteilungsspielraum sinkt.

Der Direktor des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, erklärt dazu knapp: „Der Verteilungsspielraum sinkt, weil die Produktivitätszunahme absinkt.“

IG Metall: Es läuft besser als vor zwei Jahren.

Vor zwei Jahren haben wir weniger verlangt, und heute läuft es noch besser.

Fakt ist: Nur den Beschäftigten geht es besser.

Besser stehen heute vor allem die Beschäftigten: Von 2015 bis 2017 summieren sich Tabellenerhöhungen auf 8,4 Prozent (ohne Einmalzahlungen und Erfolgsbeteiligungen), die Produktivität aber nur auf 2,7 Prozent.

IG Metall: Wir sind konkurrenzfähig.

Wir sind dort, wo wir tarifvertraglich gute Regelungen haben, konkurrenzfähig  in der Welt.

Fakt ist: Aufträge aus dem Ausland sind rückläufig.

Das zeigt sich ja besonders deutlich darin, dass die Auftragseingänge aus dem Ausland rückläufig sind. Denn: Die Konkurrenz ist nicht schlechter geworden, aber wir immer teurer.