Dulger: Werden Wohlstand nicht erhalten, wenn wir weniger arbeiten

Der von der IG Metall geforderte Teillohnausgleich für kürzere Arbeitszeiten stößt auf Arbeitgeberseite auf wenig Gegenliebe: Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger fordert im Interview mit der Schwäbischen Zeitung mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit – aber anders.

Schwäbische Zeitung:
Herr Dulger, ab Mittwoch geht es in den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektrobranche zur Sache. Neben mehr Lohn fordert die IG Metall die 28-Stunden-Woche mit einem sogenannten Teillohnausgleich. Eine berechtigte Forderung?
Rainer Dulger:
Die IG Metall weckt völlig falsche Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ist eine Kopfgeburt. Die Beschäftigten selbst wollen Flexibilität – nach oben und nach unten! Darüber sprechen wir gerne. Aber kürzere Arbeitszeiten bei Lohnausgleich: Das ist eine Stilllegeprämie für Fachkräfte, die zu einer flächendeckenden 28-Stunden-Woche führen würde. Dem können wir nicht zustimmen. Wer kürzer treten will, kann dies auch heute schon tun, aber natürlich ohne Lohnausgleich. Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben!
Schwäbische Zeitung:
Mehr Zeit wird von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern inzwischen oft höher bewertet als mehr Geld. Wie reagieren Sie auf diese Wünsche?
Rainer Dulger:
In der Metall- und Elektroindustrie wird im Westen 35 Stunden pro Woche gearbeitet. Das ist eine der kürzesten tariflichen Arbeitszeiten weltweit! Wir werden unseren Wohlstand nicht erhalten können, wenn wir immer weniger arbeiten als die Generation vorher. Das wird auch gar nicht gewünscht. Selbst in der Umfrage der IG Metall haben 70 Prozent der Befragten angegeben, dass sie mit ihrer Arbeitszeit zufrieden sind. Nur viereinhalb Prozent sind wirklich unzufrieden. Und 30 Prozent der Befragten würden gerne mehr arbeiten.
Schwäbische Zeitung:
Kürzere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich: Könnten sich die Arbeitgeber denn darauf einlassen?
Rainer Dulger:
Wir sind nicht gegen mehr Flexibilität. Aber wenn jemand weniger arbeitet, muss ein anderer die Lücke schließen und mehr arbeiten. Außerdem sind die Regeln zur Arbeitszeit in Deutschland viel zu starr. Wir brauchen hier dringend eine fortschrittliche und zeitgemäße Lösung. Dafür würde es reichen, die ausgewogene EU-Arbeitszeitrichtlinie hierzulande endlich anzuwenden. Unsere Arbeitszeitbestimmungen stammen noch aus der Zeit von Telex und Wählscheibe. In Zeiten von Internet, Laptop und iPad wollen die Menschen zu Recht ihre Arbeitszeit individueller gestalten. Wer um 14 Uhr das Unternehmen verlässt, um sein Kind aus der Kita zu holen, und sich abends aber noch mal daheim vor den Rechner setzt, sollte am Morgen wieder pünktlich zur Arbeit erscheinen dürfen, auch wenn er die starre Ruhezeit von elf Stunden nicht ganz einhalten würde. Hier ist dringend mehr Flexibilisierung notwendig, und zwar auch im Interesse der Arbeitnehmer!
Schwäbische Zeitung:
Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Gehalt: Die Wirtschaft brummt, Arbeit ist mehr als genug vorhanden. Was spricht also gegen einen kräftigen Zuschlag?
Rainer Dulger:
Natürlich wird es auch 2018 eine angemessene Beteiligung unserer Beschäftigten am Wachstum geben.
Schwäbische Zeitung:
Was heißt angemessen?
Rainer Dulger:
Es ist zu früh, um über Zahlen zu reden. Der Branche geht es momentan gut. Wir sind aber noch nicht so produktiv, wie wir vor der Wirtschaftskrise gewesen sind. Es geht vielen Unternehmen besser, aber wir müssen große Herausforderungen schultern, in Digitalisierung und die Elektrifizierung der Automobilbranche investieren. Das geht nicht ohne Rücklagen. Und wir sollten im Auge behalten, dass wir bei einer 35-Stunden-Woche ein Durchschnittseinkommen von über 56.000 Euro pro Jahr haben. Das ist sehr viel Geld. Seit 2012 sind die Tariflöhne in der Metall- und Elektroindustrie um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität ist nur um zwei Prozent gestiegen. Diese Schere gefährdet Arbeitsplätze in Deutschland und damit Wohlstand.
Schwäbische Zeitung:
Im Osten wird statt 35 immer noch 38 Stunden lang gearbeitet. Ist es nicht höchste Zeit für die Angleichung der Arbeitszeit?
Rainr Dulger:
Nein, soweit ist es noch lange nicht. Ostdeutschland hat noch deutliche Wettbewerbsnachteile. Kleinere Betriebsgrößen, weniger Unternehmenszentralen, weniger Forschung und Entwicklung und geringere Kapitalausstattung bei den Unternehmen. Diese Regionen brauchen aber Wettbewerbsvorteile, damit sie eine faire Chance haben. Die Einführung der 35-Stunden-Woche würde Ostdeutschland wieder zurückwerfen und die dortigen Industriestandorte gefährden.
Schwäbische Zeitung:
Stellen Sie sich schon auf Streiks ein?
Rainer Dulger:
Wir bemühen uns um eine einvernehmliche Lösung. Der Gewerkschaft sollte indes aber klar sein: Wir sind streikfähig! Gerade beim Thema 28-Stunden-Woche mit Lohnausgleich wird mit uns nicht zu reden sein. Mehr Geld fürs Nichtstun zahlen wir nicht.
(…)

(Das Interview für die Schwäbische Zeitung führte Tobis Schmidt)