Produktivitätsschwäche und steigende Kosten

Kehrseite: Arbeitskosten versus Produktivität

Steigende Arbeitskosten gefährden die Wettbewerbsfähigkeit

  • Die hohen Arbeitskosten in Deutschland sind ein entscheidender Standortnachteil. Ihnen stehen zwar höhere Qualität und Produktivität als an vielen anderen Standorten gegenüber. Doch die Wettbewerber holen auf, während hierzulande die Kosten weiter steigen.
  • Die M+E-Industrie in Deutschland geht mit hohen Arbeitskosten in den internationalen Wettbewerb: 43,10 Euro kostete 2016 im Schnitt die Arbeitsstunde. Die wichtigsten europäischen Wettbewerber können mit deutlich niedrigeren Arbeitskosten kalkulieren (z. B. Tschechien mit nur rund 25 Prozent der deutschen Arbeitskosten, Polen sogar mit nur knapp 20 Prozent).
  • Der Anteil der Arbeitskosten beträgt bei einzelnen Unternehmen mehr als 50 Prozent, im Durchschnitt in der M+E-Industrie – wenn man korrekterweise die Personalkostenanteile in Vorprodukten einrechnet – mehr als 30 Prozent. Für die Unternehmen kostet unter ansonsten gleichen Bedingungen damit ein Produkt, das in Deutschland für 1.000 Euro gefertigt wird, in Polen lediglich 760 Euro – bei in der Regel gleicher Qualität.
  • Eine Tariferhöhung um 1 Prozent kostet die M+E-Unternehmen insgesamt etwa 2,4 Milliarden Euro im Jahr. Die Kostenunterschiede fallen zunehmend ins Gewicht, weil viele Wettbewerber in den vergangenen Jahren große Fortschritte bei Produktivität, Qualität und Qualifikation ihrer Beschäftigten gemacht haben.

Die Entgelte steigen stärker als die Produktivität

Die hohen Arbeitskosten in Deutschland müssen durch eine entsprechend hohe Produktivität ausgeglichen werden. Deshalb ist die Entwicklung der Produktivität aus Sicht der M+E-Arbeitgeber die einzige Richtschnur für Tarifverhandlungen: Nur das, was zusätzlich erwirtschaftet wird, kann auch verteilt werden.

Gerade hier zeigt die M+E-Industrie aber unerwartete Schwächen: Nach der Krise von 2009/2010 hat sich die Produktivität viel langsamer entwickelt als zuvor. Die hohen Tarifabschlüsse können nicht mehr durch ein entsprechendes Produktivitätswachstum ausgeglichen werden.

In Zahlen: Seit 2012 addieren sich die M+E-Tarifabschlüsse auf fast 20 Prozent, aber die Produktivität in der M+E-Industrie ist insgesamt nur um 1 Prozent gestiegen. Natürlich kann man eine Weile lang auch von der Substanz leben – nachhaltig ist das aber nicht.

Die schwächere Entwicklung der Produktivität ist ein Spiegel des hohen Beschäftigungszuwachses in den vergangenen Jahren. Sie ist aber auch die Folge der Investitionsverlagerung ins Ausland und der heimischen Investitionsschwäche, die von Unsicherheit, hohen Kosten und insgesamt ungünstigen Rahmenbedingungen verursacht wird.

Die Folge: Die Lohnstückkosten sind von 2012 bis 2016 um rund 16 Prozent gestiegen – mehr als 3 Prozent pro Jahr. Das ist deutlich mehr als die Wettbewerber der deutschen M+E-Industrie zu verkraften hatten. Diese Entwicklung belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der M+E-Industrie ganz erheblich. Hiervon betroffen sind vor allem Firmen mit hohen Personalkostenanteilen.

Dass die M+E-Industrie heute vergleichsweise gut dasteht, ist kein Widerspruch dazu – denn die Produktion wandert zunehmend ins günstigere Ausland. So wird aber faktisch hier verteilt, was weitgehend im Ausland erwirtschaftet wurde.

Die Schwäche der Produktivität trifft nicht nur die M+E-Industrie, sondern die Wirtschaft insgesamt. Deshalb wird auch für die gesamtwirtschaftliche Produktivität – nach gemeinsamem Verständnis der Tarifpartner das Maß für die M+E-Entgelterhöhung – nur ein geringes Wachstum erwartet: 2018 und 2019 jeweils 0,9 Prozent (Herbstgutachten 2017 der Forschungsinstitute).