Arbeitszeit und Fachkräftemangel

Arbeitszeit und Fachkräftemangel

Fachkräftemangel nicht verschärfen

Der wachsende Fachkräftemangel ist inzwischen das größte Problem vieler M+E-Unternehmen. Die von der IG Metall geforderten weiteren Arbeitszeitverkürzungen würden diese Fachkräftelücke noch vergrößern und den Standort massiv gefährden.

  • Im Juli 2017 meldeten 20 Prozent der M+E-Betriebe, dass sie aufgrund von Arbeitskräftemangel Einschränkungen bei der Produktion hinnehmen müssen. Diese Quote liegt deutlich über dem Wert des Vorkrisen-Booms im Jahr 2007.
  • Seit Februar 2017 übertrifft die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldeten offenen Stellen in den M+E-Facharbeiterberufen die Zahl der Arbeitslosen. Da nur etwa jede zweite offene Stelle der BA überhaupt gemeldet wird, gibt es am Arbeitsmarkt ein deutliches Ungleichgewicht zulasten der Betriebe, die Fachkräfte einstellen wollen.
  • In den technischen M+E-Berufen, den Kernberufen der M+E-Industrie, wurden 2016 rund 72.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Der Zugang in die M+E-Berufe wächst – gegen den Trend sinkender Ausbildungszahlen insgesamt. Dennoch bleiben in den M+E-Unternehmen etwa 10 Prozent der Ausbildungsplätze mangels geeigneter Bewerber unbesetzt.
  • Im Juli 2017 gab es in Deutschland eine MINT-Lücke von rund 260.000 Fachkräften: 90.000 Akademiker, fast 50.000 Meister und Techniker, 120.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung. Die M+E-Industrie ist davon besonders betroffen, denn hier ist etwa ein Viertel aller Erwerbstätigen in den MINT-Berufen beschäftigt.

Neue Balance gesucht

Die IG Metall fordert einen tariflichen Anspruch auf eine 28-Stunden-Woche mit Rückkehrrecht in Vollzeit für alle und einen Lohnausgleich für bestimmte Beschäftigtengruppen. Richtig ist: Neue Arbeitsformen stellen für einige Beschäftigtengruppen neue Anforderungen an moderne, wettbewerbsfähige Arbeitszeitregelungen. Hier ist eine neue Balance zwischen dem betrieblichen Flexibilisierungsbedarf und dem Wunsch der Arbeitnehmer nach mehr Zeitsouveränität zu finden. Aber richtig ist auch: Der Kunde entscheidet, wann was produziert werden muss – und daher, wann Arbeit geleistet werden muss. Wie immer auch neue Modelle aussehen können: Die anfallende Arbeit muss geleistet werden können – und sie darf dabei nicht noch teurer werden. Schon heute kann jeder Arbeitnehmer seine Arbeitszeit verkürzen – und, so zeigt es die betriebliche Praxis, später in aller Regel problemlos wieder in die normale Arbeitszeit zurückkehren. Hier gibt es also keinen Regelungsbedarf. Was allerdings bislang nicht ohne Weiteres geht, ist die Regelarbeitszeit nach oben aufzustocken. Das aber ist den Metallern ein viel wichtigeres Anliegen – zeigt die Befragung der IG Metall: Danach wollen 20 Prozent gerne weniger als 35 Stunden arbeiten, 32 Prozent aber länger als 35 Stunden. Eine solidarische Finanzierung von Auszeiten lehnen die Beschäftigten kategorisch ab: 84 Prozent aller Arbeitnehmer bei M+E sind dazu nicht bereit. Sie sind der Ansicht, dass Auszeiten vom betreffenden Arbeitnehmer selbst zu finanzieren sind. Die Aussage, dass ein Lohnausgleich notwendig sei, um sich eine solche Verkürzung leisten zu können, dürfte bei Arbeitnehmern anderer Branchen angesichts des Einkommensniveaus bei M+E auf wenig Verständnis stoßen. Lohnausgleich würde nicht nur bedeuten, dass Mitarbeiter dafür bezahlt werden, nicht arbeiten zu gehen. Sie bekämen auch einen höheren Stundenlohn als die Kolleginnen und Kollegen, die in der Zwischenzeit ihre Arbeit mit erledigen müssen.

Schichtarbeit

  • Ein Höchstlohnland mit den kürzesten Arbeitszeiten der Welt für den einzelnen Arbeitnehmer ist ohne Schichtarbeit unmöglich. Dabei fließen heute bereits selbstverständlich die Erkenntnisse der laufenden arbeitswissenschaftlichen Forschung in die Schichtplanung ein.
  • Über 80 Prozent der Schichtarbeiter haben in der IG-Metall-Befragung erklärt, mit der Arbeitszeit zufrieden zu sein.
  • Für den Ausgleich etwaiger Mehrbelastungen der Arbeit im Schichtbetrieb gib es heute schon Schichtzuschläge.
Die Unternehmen in Deutschland müssen mit den weltweit kürzesten Arbeitszeiten auskommen. Eine weitere Arbeitszeitverkürzung würde diese ohnehin schon kritische Position im internationalen Vergleich noch weiter verschlechtern:

Und: Es fällt schwer zu glauben, dass der durchschnittliche M+E-Arbeitnehmer heute weniger Zeit für Familie und Hobby haben soll als früher. 1964, als der geburtenstärkste Jahrgang in Deutschland zur Welt kam, lag die Wochenarbeitszeit in der M+E-Industrie bei 41,25 Stunden – und der Jahresurlaub bei 15 bis 21 Tagen.

„Ferner vermag die IG Metall bisher nicht die Frage zu beantworten, wie das dadurch entfallende Arbeitszeitvolumen von den Betrieben ausgeglichen werden soll – noch dazu in Zeiten eines immer größer werdenden Fachkräftemangels.“

Matthias Schiermeyer, Stuttgarter Zeitung